… zur Gewohnheit geworden ist

Neulich saß eine erschöpfte Klientin bei mir, die unzufrieden war mit dem Gefühl nur noch zu funktionieren. Doch gleichzeitig war sie der festen Überzeugung, dass es keine Alternative gibt. Es muss ja alles gemacht werden.
Und ehrlich gesagt: Während sie von ihrem Leben erzählte, konnte ich gut nachvollziehen, warum es sich so anfühlt. Arbeit, Kinder, Alltag. Ein Berg an Aufgaben, der jeden Morgen wieder vor ihr steht. Sie organisiert, denkt voraus, fängt auf, erledigt. Sie ist es gewohnt, durch ihr Leben zu hechten, von einem Punkt zum nächsten. Nicht etwa, weil sie so gerne im Dauerlauf unterwegs ist, sondern weil sie verinnerlicht hat, dass das eben die Art ist, wie man alles am Laufen hält.
Als ich ihr vorgeschlagen habe, in dem kleinen Moment, in denen die Nudeln von al dente zu genau richtig garen, stehen zu bleiben und wahrzunehmen, wie es ihr eigentlich gerade geht, musste sie lachen. „In der Zeit sauge ich das Wohnzimmer!“
Dieser Satz ist mir geblieben. Weil er so deutlich macht, wie wenig selbstverständlich es für viele Menschen geworden ist, einen Moment nicht sofort wieder mit Produktivität zu füllen.

Der Körper setzt Signale

Irgendwann hat ihr Körper das Stoppschild erhoben. Inklusive Fahrt in die Notaufnahme. Zum Glück stellte sich der Verdacht nicht als ernsthafte Diagnose heraus. Aber die Botschaft war unmissverständlich:

So wie bisher konnte es nicht weitergehen

Und nein, sie hat ihr Leben nicht komplett umgekrempelt, ist nicht auf eine einsame Insel ausgewandert und hat keine Morgenroutine eingeführt. Aber sie hat das Tempo runtergefahren.

Sie hat angefangen, an einzelnen Stellen anders zu entscheiden. Sie hat ihren Kindern Aufgaben übertragen, die sie bis dahin selbstverständlich selbst übernommen hatte. Sie hat die Zahl der Aufträge reduziert, die sie angenommen hat. Sie hat ausprobiert, wie es ist, nicht immer sofort auf jede Anforderung mit noch mehr Tempo zu reagieren.

Und mit diesem veränderten Tempo tauchte etwas auf, womit sie nicht gerechnet hatte.

Sie bemerkte plötzlich Möglichkeiten, die vorher nicht in ihrem Blickfeld gewesen waren. Ihr fielen Lösungen für alltägliche Herausforderungen ein. Sie entwickelte Ideen dafür, wie sie ihr Business perspektivisch weiterentwickeln könnte – aufbauend auf ihrer eigenen Erfahrung und Expertise, statt sofort davon auszugehen, dass sie sich erst noch mehr Wissen aneignen oder sich neu erfinden müsste.

Sie sagte später, dass sie sich fragte, warum ihr das alles nicht schon früher eingefallen war. Ich glaube nicht, dass diese Ideen plötzlich aus dem Nichts entstanden sind. Sie waren vorher nur nicht erreichbar, weil ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet war, den nächsten Punkt auf der Liste abzuarbeiten.

 

Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, wie groß die Angst davor ist, dass alles zusammenbricht, wenn man aufhört zu hetzen.

Viele Frauen, die zu mir kommen, tragen Verantwortung an vielen Stellen gleichzeitig. Sie organisieren Familienleben, übernehmen emotionale und praktische Sorgearbeit, versuchen beruflich ihren Platz zu finden oder ihre Selbstständigkeit zu tragen. Dass sie schnell geworden sind, ist keine individuelle Marotte.

Sie tragen viel Verantwortung und bewegen sich in Lebensrealitäten, die tatsächlich fordernd sind. Gleichzeitig lohnt sich die Frage, welche Dinge wirklich keinen Aufschub dulden – und bei welchen die innere Alarmglocke zum gewohnheitsmässigen Dauerzustand geworden ist.

In meiner Arbeit geht es nicht darum, Menschen davon zu überzeugen, einfach gelassener zu werden. Es geht darum, gemeinsam zu prüfen, wo das hohe Tempo wirklich notwendig ist – und wo es Spielräume gibt, die im Alltag zwischen Arbeit, Care-Arbeit und Verantwortung oft unsichtbar geworden sind.

An welchen Stellen sage ich ständig Ja, ohne überhaupt zu merken, dass ich eine Entscheidung treffe?

Wo behandle ich Dinge wie Naturgesetze, die vielleicht verhandelbar wären?
Und wie möchte ich mit meiner Zeit und meinen Kräften eigentlich umgehen?

Vielleicht kennst du dieses Gefühl, dass schon die Vorstellung, einen Gang herunterzuschalten, Unruhe auslöst, weil sofort die Befürchtung auftaucht, dann würde alles ins Wanken geraten.

Meine Erfahrung ist: Es lohnt sich, genau dort hinzuschauen.

Die Anforderungen verschwinden dadurch nicht. Die Wäsche macht sich nicht von allein und Erwerbsarbeit wird nicht weniger, nur weil wir anders auf unseren Alltag schauen. Aber manchmal zeigt sich, dass wir mehr Spielräume haben, als wir gedacht haben.

Und manchmal wird auch sichtbar, wo nicht die einzelne Frau sich besser organisieren muss, sondern Unterstützung, Umverteilung und andere Rahmenbedingungen gebraucht werden.

Wenn du dir Unterstützung auf diesem Weg wünschst, dann kontaktiere mich gerne. Hier kannst du ein kostenloses, unverbindliches buchen.

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